Wer hat das Fahrrad erfunden?
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Komplette Geschichte des Fahrrads (1817-2025)
Das Fahrrad hat nicht nur einen Erfinder. Seine Entstehung ist das Ergebnis von zwei Jahrhunderten der Innovation, getragen von Dutzenden von Erfindern in Deutschland, Frankreich und England. Der erste Vorläufer des Fahrrads ist das Laufrad, das 1817 vom Deutschen Karl Drais entworfen wurde. Aber das Fahrrad, wie wir es heute kennen – zwei Räder gleicher Größe, Pedale, Kette, Reifen – erschien erst 1885 mit dem Rover Safety Bicycle von John Kemp Starley.
Hier ist die vollständige Chronologie, von den ersten Pedalumdrehungen bis zu den Carbon-Rädern der Tour de France.
1817: Karl Drais erfindet das Laufrad, den Vorläufer des Fahrrads
Am 12. Juni 1817 legte der deutsche Baron Karl Friedrich Drais von Sauerbronn die 14,4 km von Mannheim zur Poststation Schwetzingen in etwas mehr als einer Stunde auf seiner Laufmaschine zurück. Es war das erste Mal, dass ein von menschlicher Kraft angetriebenes Zweirad die Gehgeschwindigkeit überschritt.
Das Laufrad war komplett aus Holz gefertigt: zwei eisenbereifte Räder, die durch einen Balken verbunden waren, ein Ledersattel, eine Lenkung vorne zum Lenken des Rades und eine per Seil betätigte Klotzbremse. Es wog etwa 23 kg und wurde durch Abstoßen der Füße vom Boden angetrieben, ohne Pedale. Der Benutzer saß rittlings darauf und bewegte sich wie ein Skater.
Warum diese Erfindung im Jahr 1817? Der Kontext ist entscheidend. Der Ausbruch des Vulkans Tambora im Jahr 1815 hatte eine globale Klimakrise ausgelöst: Das Jahr 1816 wurde als "Jahr ohne Sommer" bezeichnet. Die Ernten waren vernichtet, Pferde wurden selten und teuer. Drais suchte eine Alternative zum Pferd für die Fortbewegung.
Im Januar 1818 wurde in Frankreich ein Importpatent von dem Anwalt Louis-Joseph Dineur im Auftrag von Drais unter dem Namen "Vélocipède" angemeldet. Am 5. April 1818 führte Drais eine öffentliche Demonstration im Jardin du Luxembourg in Paris vor mehreren Tausend Zuschauern durch. Das Laufrad erlebte einen kurzen Erfolg in den wohlhabenden Klassen in Frankreich und England (wo es als Hobby Horse oder Dandy Horse bezeichnet wurde), bevor es um 1820 in Vergessenheit geriet. Zu schwer, unbequem und nur wohlhabenden Männern vorbehalten, blieb es eher ein Kuriosum als ein echtes Transportmittel.
1861: Pierre und Ernest Michaux erfinden das Pedal
Im März 1861 brachte ein Hutmacher ein altes Laufrad zur Reparatur zu Pierre Michaux, einem in Paris ansässigen Schlosser. Sein 20-jähriger Sohn Ernest probierte es aus und beklagte sich über die Anstrengung, die Beine nach dem Anfahren in der Luft halten zu müssen. Pierre schlug ihm vor, Kurbeln an der Achse des Vorderrades anzubringen, um es "wie einen Mühlstein drehen zu lassen". Das Pedal war geboren.
Diese einfache Ergänzung veränderte das Gerät radikal: Die Antriebskraft kam nicht mehr von den Füßen, die auf den Boden stießen, sondern von den Füßen, die das Rad direkt betätigten. Das Michaux-Vélocipède, auch Michaudine genannt, war der erste kommerzielle Erfolg eines "Zweirads". Die Produktion begann handwerklich: 2 Exemplare im Jahr 1861, 142 im Jahr 1862, 400 im Jahr 1865.
1868 schloss sich Pierre Michaux mit den Brüdern Aimé und René Olivier, jungen Ingenieuren der École Centrale, zusammen, um die Compagnie parisienne des vélocipèdes zu gründen und die Produktion zu industrialisieren. Der Sohn Napoleons III. selbst wurde ein Anhänger, so dass er den Spitznamen "Vélocipède IV" erhielt. Das erste offizielle Rennen auf der Bahn fand am 31. Mai 1868 im Park von Saint-Cloud statt. 1869 nahmen 203 Teilnehmer am ersten Straßenrennen, Paris-Rouen (130 km), teil.
Der Krieg von 1870 setzte dieser "Vélocipédie-Manie" ein jähes Ende. Das Unternehmen Michaux ging im März 1870 bankrott. Pierre Michaux starb 1883 verarmt.
1870-1885: Das Hochrad, spektakulär, aber gefährlich
Nach dem Krieg von 1870 suchten die Hersteller nach Möglichkeiten, schneller zu fahren. Da die Pedale direkt auf dem Vorderrad angebracht waren (noch keine Kette oder Schaltung), bestand die einzige Möglichkeit, die Geschwindigkeit zu erhöhen, darin, das Vorderrad zu vergrößern. Jede Pedalumdrehung legte dann eine größere Strecke zurück.
So entstand das Hochrad (in England Penny-Farthing genannt), mit seinem gigantischen Vorderrad von bis zu 1,50 m Durchmesser und seinem winzigen Hinterrad. Der Franzose Eugène Meyer gilt als der Schöpfer dieses Designs um 1869, das später von dem Engländer James Starley mit seinem Modell Ariel in den Jahren 1870-1872 perfektioniert wurde. Starley erfand 1874 auch die gekreuzten Tangentspeichen, die die Räder stabiler machten – ein Prinzip, das noch heute verwendet wird.
Das Hochrad erlebte seine Blütezeit zwischen 1875 und 1890. Rennmodelle wogen dank Rohrrahmen aus Stahl, Kugellagern und Vollgummireifen kaum 16 kg. Doch das Design war von Natur aus gefährlich: Der Radfahrer, sehr hoch oben mit dem Schwerpunkt über dem Vorderrad, riskierte bei jedem Hindernis, kopfüber zu stürzen – ein Unfall, der im Englischen Header genannt wurde. Das Hochrad blieb ein Gerät, das jungen, sportlichen und wohlhabenden Männern vorbehalten war.
1885: John Kemp Starley erfindet das moderne Fahrrad
Das Jahr 1885 markiert die eigentliche Geburtsstunde des modernen Fahrrads. John Kemp Starley, Neffe von James Starley, bringt in Coventry, England, das Rover Safety Bicycle auf den Markt. Seine Innovation ist entscheidend: zwei Räder gleicher Größe, ein Rahmen aus Stahlrohren, ein Kettenzug, der das Tretlager mit dem Hinterrad verbindet, und ein lenkbarer Lenker. Der Radfahrer sitzt tief, zwischen den beiden Rädern, die Füße in Reichweite des Bodens.
Dieses Design löst alle Probleme des Hochrads: kein Überschlagrisiko mehr, einfaches Auf- und Absteigen, effektives Bremsen. Kette und Ritzel ermöglichen es, die Pedalkraft zu übersetzen, ohne ein riesiges Rad zu benötigen. Das Fahrrad wird für jedermann zugänglich, auch für Frauen – was erhebliche soziale Auswirkungen haben wird.
Das Rover Safety Bicycle ist das Modell, von dem alle heutigen Fahrräder abstammen. Seine Grundform – rautenförmiger Rahmen ("diamond frame"), zwei gleiche Räder, Kette, Pedale, Lenker, Sattel – hat sich in 140 Jahren grundlegend nicht verändert.
1888-1891: Der Pneumatikreifen revolutioniert den Komfort
Das Sicherheitsfahrrad hatte einen Nachteil: Seine kleinen Räder, die mit Vollgummireifen bestückt waren, übertrugen alle Vibrationen der Straße. Der englische Spitzname des Vélocipède – Boneshaker (Knochenschüttler) – blieb aktuell.
Im Jahr 1888 entwickelte der schottische Tierarzt John Boyd Dunlop den pneumatischen Reifen für das Dreirad seines Sohnes. Dieser luftgefüllte Reifen absorbierte Stöße und bot einen unvergleichlichen Komfort. Der Dunlop-Reifen machte das Hochrad endgültig obsolet: Die kleinen Räder des Sicherheitsfahrrads rollten nun ebenso komfortabel wie die großen Räder des Hochrads.
Im Jahr 1891 erfanden die Brüder Édouard und André Michelin den demontierbaren Reifen mit Schlauch, der in Clermont-Ferrand patentiert wurde. Charles Terront bestätigte die Erfindung, indem er im selben Jahr das erste Rennen Paris-Brest-Paris gewann. Ein Platten war keine Katastrophe mehr – man konnte am Straßenrand reparieren.
Mit dem Pneumatikreifen trat das Fahrrad in sein goldenes Zeitalter ein. Innerhalb weniger Jahre wurde es in allen Gesellschaftsschichten populär. Die industrielle Produktion ließ die Preise fallen. Radsportvereine entstanden überall in Europa. Der Touring Club de France wurde 1890 gegründet.
Das Fahrrad, ein Instrument der Emanzipation für Frauen
Ende des 19. Jahrhunderts spielte das Fahrrad eine unerwartete Rolle in der Sozialgeschichte: Es wurde zu einem Instrument der Freiheit für Frauen. Das Sicherheitsfahrrad war im Gegensatz zum Hochrad für Frauen zugänglich. Es bot ihnen eine beispiellose individuelle Mobilität – weder ein Pferd zu unterhalten, noch einen Kutscher zu bezahlen, noch eine Anstandsdame mitzunehmen.
Die amerikanische Aktivistin Susan B. Anthony erklärte 1896, dass das Fahrrad "mehr zur Emanzipation der Frau beigetragen hat als alles andere auf der Welt". Das Fahrrad drängte auch dazu, die weibliche Kleidung zu reformieren: Es war unmöglich, im Korsett und im Krinoline-Rock Rad zu fahren. Die "Bloomers" (weite Hosen) wurden populär und ebneten den Weg für die modische Befreiung.
1903: Die Tour de France, Motor der Innovation
Am 1. Juli 1903 startete die erste Tour de France in Montgeron. Maurice Garin gewann die 2.428 km auf einem La Française-Fahrrad von fast 20 kg, aus Stahl, mit Starrlauf, ohne Bremsen, ohne Schaltung, mit Holzfelgen und einem Lenker mit Holzgriffen. Die einzige Möglichkeit zu bremsen war, rückwärts zu treten.
Die Tour de France sollte zum Labor des Rennrads werden. Jedes Jahrzehnt brachte eine Reihe von Innovationen:
- 1903: Freilauf (man kann im Gefälle aufhören zu treten)
- 1937: Die Gangschaltung wird endlich bei der Tour zugelassen – das Modell "Super Champion" von Oscar Egg. Davor mussten die Fahrer am Fuß oder am Gipfel der Steigungen anhalten, um ihr Hinterrad zu drehen und das Ritzel zu wechseln.
- 1934: Erste Aluminiumfelgen (Mavic), die Holz und Stahl ersetzen
- 1986: Erster Carbon/Kevlar-Verbundrahmen bei der Tour (Look KG86, Sieg von Greg LeMond 1989)
- 1987: Time-Klickpedale – das Ende des Zehenclips
- 1990: Integrierte Shimano STI-Schalthebel – die Gänge werden vom Lenker aus geschaltet
- 1994: Letzter Sieg eines Stahlfahrrads (Indurain auf Pinarello)
- 1999: Erstes 100% Carbon-Fahrrad, das die Tour gewinnt (Trek 5200)
- 2009: Elektronische Shimano Di2-Schaltung, die schrittweise vom Peloton übernommen wird
Heute wiegt ein Profi-Fahrrad etwa 6,8 kg (das UCI-Mindestgewicht), verglichen mit 20 kg im Jahr 1903. Der einteilige geformte Carbonrahmen, aerodynamische Profilräder, Leistungsmesser und drahtlose elektronische Schaltungen haben die Maschine zu einem Hightech-Werkzeug gemacht.
Das Fahrrad im 20. Jahrhundert: von der Massenmobilität zum Niedergang und zur Wiedergeburt
Das Fahrrad erlebte ein goldenes Zeitalter zwischen 1890 und 1950. Als wichtigstes Transportmittel für Arbeiter, Postboten und Kaufleute wurde es auch von Armeen während der beiden Weltkriege eingesetzt. In Frankreich waren die Fahrradtruppen (die "Fahrradjäger") bereits 1913 einsatzbereit.
Nach 1945 setzte sich das Auto durch. Die Fahrradverkäufe fielen zwischen 1945 und 1970 kontinuierlich. Das Fahrrad wurde zum Kinderspielzeug oder zur Sonntagsfreizeit.
Die Wiedergeburt erfolgte in den 1970er Jahren, angetrieben durch die Ölkrise von 1973 und das wachsende Umweltbewusstsein. Neue Fahrradtypen entstanden: das BMX (1970er Jahre in den USA), das Mountainbike (entstand in Kalifornien Ende der 1970er Jahre, mit dem ersten Serienmodell 1981), das Faltrad für Stadtbewohner. Das Fahrrad wurde wieder zu einer Mobilitätsoption.
Das Fahrrad im 21. Jahrhundert: elektrisch, vernetzt und nachhaltig
Das E-Bike (Elektrofahrrad) ist die größte Revolution des 21. Jahrhunderts. In Frankreich überschreiten die Verkaufszahlen von E-Bikes Anfang der 2020er Jahre jährlich 700.000 Einheiten. Der Elektromotor macht das Fahrrad auch für weniger sportliche Personen, für längere Strecken und für hügeliges Gelände zugänglich – wodurch die größten Hindernisse für den täglichen Gebrauch beseitigt werden.
Gleichzeitig investieren die Städte massiv in die Fahrradinfrastruktur. Verleihfahrräder, geschützte Radwege und sichere Parkplätze verändern die urbane Mobilität. Das Vélotaf (Fahrrad-Pendeln) wird zum gängigen Begriff.
Auch das Rennrad entwickelt sich weiter: Scheibenbremsen, drahtlose elektronische Schaltungen, integrierte Leistungsmesser, im Windkanal optimierte aerodynamische Rahmen. Das UCI-Mindestgewicht von 6,8 kg wird von den Herstellern, deren Rahmen allein unter 700 g liegen, regelmäßig in Frage gestellt.
Vollständige Chronologie der Erfindung des Fahrrads
| Datum | Erfindung | Erfinder |
|---|---|---|
| 1817 | Laufrad (Laufmaschine) – erstes Zweirad | Karl Drais (Deutschland) |
| 1861 | Pedal am Vorderrad – das Michaux-Vélocipède | Pierre und Ernest Michaux (Frankreich) |
| 1868 | Erstes offizielles Radrennen (Saint-Cloud) | — |
| 1869 | Hochrad (Penny-Farthing) – riesiges Vorderrad | Eugène Meyer (Frankreich) / James Starley (England) |
| 1879 | Kettenzug am Hinterrad | Harry John Lawson (England) |
| 1885 | Rover Safety Bicycle – das moderne Fahrrad | John Kemp Starley (England) |
| 1888 | Luftreifen | John Boyd Dunlop (Schottland) |
| 1891 | Abnehmbarer Reifen mit Schlauch | Brüder Michelin (Frankreich) |
| 1898 | Freilauf | Sachs (Deutschland) |
| 1903 | Erste Tour de France | Henri Desgrange |
| 1937 | Gangschaltung bei der Tour de France zugelassen | Oscar Egg (Super Champion) |
| 1986 | Erster Carbon/Kevlar-Rahmen bei der Tour | Look / TVT |
| 1990 | Integrierte Shimano STI-Schalthebel | Shimano (Japan) |
| 1999 | Erstes 100 % Carbon-Fahrrad als Toursieger | Trek |
| 2009 | Elektronische Di2-Schaltung | Shimano (Japan) |
Das Fahrrad, 200 Jahre Geschichte auf zwei Rädern
Vom hölzernen Laufrad Karl Drais' bis zum Carbonrad mit elektronischer Schaltung ist die Geschichte des Fahrrads die einer kollektiven Erfindung, die Generation für Generation bereichert wurde. Was sich nie geändert hat, ist das Gründungsprinzip: zwei Räder, die Kraft der Beine und die Freiheit, dorthin zu fahren, wohin man will.
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